Katja Diefenbach
Zur Kritik neuer wissenschaftlicher
Mythologien - Human genome project, open source und techno-kapitalistische
Metaphern
Jeden Donnerstag, 16.15-18.45, Raum 150, in der Hardenbergstr. 33
Beginn 25. Oktober 2001
WS 2001/02
Das Seminar ist vor allem auf solche künstlerische
Entwürfe gerichtet, die das emanzipative Potential neuer Technologien
ebenso ausloten wie ihre gesellschaftliche Modernisierungsfunktion
(Rationalisierung, Verwissenschaftlichung, Globalisierung, Schaffung
immer miniaturisierterer Macht- und Repräsentationsverhältnisse.)
Eine der zentralen Fragen wird es sein, ob die Verschwisterung von
Kunst und neuen Technologien (resp. Wissenschaft) die Kunst als ein
gesellschaftliches Feld zur Disposition stellt, das weiterhin in der
Lage sein könnte, eine "Diffenzbeziehung" (John Miller) zu ökonomischen,
politischen, sozialen und gesellschaftlichen Realitäten herzustellen.
Am Rande der etablierten Wissenschaftsszene ist in den 60er Jahren
das Theorem der Selbstorganisation von einem Forscherkreis geprägt
worden, der am Biological Computer Laboratory an Fragen der Instabilität,
Nichtlinearität und Komplexität zu arbeiten begonnen hatte.
Mit der Zeit hat sich diese Vorstellung der Selbstorganisation mit
der Konjunktur von Chaostheorie, SciFi und Computertheorie popularisiert.
Eine Kette analoger Systembeschreibungen entstand, mit der Aktienmärkte,
Straßenverkehr, Immunsysteme, Gehirne, Open Source-Programmierung,
das Internet und das Genom gleichermaßen als dynamisch selbstorganisiert
beschrieben wurden. Mit dieser Metaphernpolitik wurde die Figur der
Freiheit enthistorisiert und entpolitisiert und in den abstrakten
Universalismus einer selbstregulierten, nicht-hierarchischen technoiden
Struktur neu eingeschrieben. Feministische Wissenschaftstheorie versucht,
diese naturwissenschaftliche Metaphernpolitik ideologietheoretisch
zu analysieren und die gegenseitige Konstituierung natur- und geisteswissenschaftlicher
Diskurse zu zeigen (das Genom als späte Cogito-Vorstellung; die
DNA als aktive Instanz, das Zytoplasma als das davon abgespaltene
Andere der Passivität). Im Seminar soll das neue ideologische
Epizentrum technowissenschaftlicher Metaphern und ihre paradoxalen
Anschlüsse Richtung Strukturdeterminismus (das Genom als Zentralsteuerung
des Lebens), Poststrukturalismus (nicht hierarchische, dezentrierte
Komplexität des Immunsystems), Technooptimismus (Open Source
führt in eine freie Gesellschaft), Technokapitalismus (der Markt
als selbstregulierter systemischer Organismus, dessen Netzwerk mit
Computernetzwerken konvergiert) diskutiert werden.
Literatur:
Evelyn Fox-Keller, Das Leben neu denken, München 1998
Dies., Das Jahrhundert des Gens, Frankfurt/M. 2001
Donna Haraway, Die Neuerfindung der Natur, Frankfurt/ M. 1995
Dies. Modest_Witness@Second_Millennium. FemaleMan©_Meets_OncoMouse,
New York 1997
Isabelle Stengers, Wem dient die Wissenschaft?, München 1998
und andere Texte - Handapparat ab Semesterbeginn in der Bibliothek
der HdK
Als Vorbereitung auf
die Diskussion empfehle ich fürs critical monitoring:
1. Die OpenSource-Konferenz
Wizards of OS 2: Betriebssysteme der Systemgesellschaft. Offene Quellen
& Freie Software.
Haus der Kulturen der Welt, 11-13.10.2001
www.mikro.org/events/os/
2. Den Klassiker unter den digitalen
Kunstausstellungen die ars electronica 2001: Takeover - Wer
macht die Kunst von morgen?
Linz, 1.-6. September www.aec.at/takeover
3. Das Berliner Mainstream meets Minderheiten-Event
BerlinBeta: RealityShift - Festival for Digital Media, Business and
Culture
29.8.-5.9.01 www.berlinbeta.de
Weitere Links:
www.asahi-net.or.jp/~RF6T-TYFK/haraway.html
(Haraway-Hyperlink)
http://landow.stg.brown.edu/cpace/theory/theoryov.html
(Cyberspace & Critical Theory)
www.obn.org
(Oldboys Network, cyberfeministische Seite)
www.oekonux.org
(Konferenz zu Free Software)
www.heise.de/tp/deutsch
(Zeitung telepolis)
www.gnu.org/copyleft/fdl.html
(GNU is not Unix/ General Public Licence)
www.opentheory.org
(Free Software Seite)
www.kritische-informatik.de
www.ctheory.com
(Netztheoretische Seite)
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